San Jose

29.11.2017

Vom Zimmermann zum Astronomiemäzen:
Der Exzentriker James Lick und seine Sternwarte hoch über San Jose

Das bewegte Leben des James Lick begann mit einem gescheiterten Heiratsantrag – heute verdankt ihm die astronomische Forschungsstation auf dem Mount Hamilton ihr Dasein

 

San Jose/Frankfurt, 29. November 2017 – Als Hauptstadt des Silicon Valley ist San Jose dank der vielen Internet- und Technologie-Unternehmen, die hier und in der Umgebung ihren Sitz haben, bekannt. Doch wenige wissen, dass bereits Ende des 19. Jahrhunderts Pioniere der Wissenschaft und Technologie nach San Jose kamen: Denn hoch oben auf dem 1.300 Meter hohen Mount Hamilton thront seit 1887 das Lick Observatory. Bei Tag blicken Besucher hinunter ins legendäre Tal und über die Großstadt San Jose. Nachts dagegen erlauben die Teleskope ihnen einen Blick hinauf in den Himmel zu den Sternen und noch weiter zu viele Lichtjahre entfernten Galaxien.

 

Astronom für einen Tag
Besucher sind im Lick Observatory herzlich willkommen. Von Donnerstag bis Sonntag ist das Besucherzentrum von 12 bis 17 Uhr geöffnet, kostenlose Vorträge finden ab 12.30 Uhr stündlich statt. Im Rahmen der Summer Series von Juni bis September können Gäste auch nachts das Observatorium besuchen. Die Abende umfassen klassische Konzerte, Vorträge von anerkannten Wissenschaftlern aus aller Welt und die Möglichkeit, einen Blick unter anderem durch den Great Lick Refractor zu werfen. Auch Hobby-Astronomen sind dazu eingeladen, ihre kleineren Teleskope aufzustellen, um gemeinsam in die Ferne des Weltalls zu schauen. Weitere Informationen unter www.ucolick.org/main/index.html.

 

State of the Art im 19. Jahrhundert – und heute
Im Januar 1888 schaute das erste Teleskop auf dem Mount Hamilton, der Great Lick Refractor, zum ersten Mal in den weit entfernten Nachthimmel. Das Lick Observatory war das erste Observatorium, das auf einem Berggipfel errichtet wurde und der Great Lick Refractor galt bei seiner Erbauung als das größte und modernste Teleskop der Welt. Sein Standort bietet seit jeher mit 330 klaren Nächten im Jahr ideale Beobachtungsbedingungen, und dank der Höhe von 1.300 Meter liegt die Sternwarte über dem Nebel, der sich oft in der Bucht bildet. In den 1980er-Jahren wurde allerdings mit dem Wachstum der Stadt San Jose und des Silicon Valley die Lichtverschmutzung zum Problem. Um dem entgegenzuwirken, wurde die Straßenbeleuchtung auf Niederdruck-Natriumdampflampen umgestellt, die der Stadt einen gelben Schein verleihen und die Arbeit der Forschungsstation auf dem Mount Hamilton weiterhin möglich machen.

 

1969 gelang dem Observatorium die bis dahin genaueste Entfernungsmessung zwischen Erde und Meer mit einem Rubinlaser, außerdem entdeckten Forscher des Lick Observatory sechs Monde des Jupiters, mehrere Exoplaneten und einen Asteroiden. Heute sind im Lick Observatory fünf Teleskope aktiv, darunter auch der historische Great Lick Refractor. Die Forschung dreht sich unter anderem um die Suche nach Planeten außerhalb unseres Sonnensystems sowie extraterrestrischer Intelligenz, Adaptive Optik, die Evolution von Sternen und Galaxien, Supernovae und Schwarze Löcher, Braune Zwerge und noch viel mehr und leistet einen wichtigen Forschungsbeitrag als Teil der University of California.

 

Der Namensgeber: James Lick
Ihre Existenz verdankt die Sternwarte James Lick. Als Sohn eines Zimmermanns 1796 in Pennsylvania geboren, wurde er mit 13 Jahren Lehrling seines Vaters. Doch sein weiteres Leben sollte von einer Liebesgeschichte bestimmt werden: Mit 21 Jahren machte er Barbara, der Tochter des örtlichen und sehr reichen Mühlenbesitzers, den Hof. Die Romanze resultierte in Barbaras Schwangerschaft, worauf der junge James seine Pflicht erfüllen und die Angebetete heiraten wollte. Doch als er bei ihrem Vater um ihre Hand anhielt, lehnte dieser ab. Die Begründung: Ein armer Lehrling könne nicht seine Tochter ehelichen; erst wenn James eine ebenso große Mühle besaß, würde er Barbara heiraten dürfen. James Licks Enttäuschung war so groß, dass er gekränkt seine Heimat verließ. In Baltimore fand er Anstellung, erlernte die Kunst des Pianobauens und eröffnete bereits nach kurzer Zeit sein eigenes Geschäft in New York.

 

Abenteuer in Südamerika
1821 erfuhr er, dass seine Pianos auch nach Südamerika exportiert wurden und so packte er seine Siebensachen, um der Nachfrage hinterher zu reisen. Er landete in Buenos Aires, wo er schnell zu einem angesehen Pianobauer und trotz der politischen Tumulte rasch wohlhabend wurde. Doch aufgrund seiner unzureichenden Spanischkenntnisse und schlechten Gesundheit war sein Leben bis 1825 alles andere als rosig. So beschloss er einen Tapetenwechsel und reiste ein Jahr lang durch Europa. Seine Rückkehr jedoch verlief turbulent – erst entging sein Schiff nur knapp dem Untergang bei einem Sturm, wurde dann von einer Portugiesischen Galeere gekapert und James Lick als Kriegsgefangener nach Montevideo in Uruguay verschleppt. Es gelang ihm die Flucht zu Fuß zurück nach Buenos Aires, wo er den lukrativen Handel mit Pelzen begann. 1832 war er schließlich reich genug, um nach Pennsylvania zurückzukehren, dort erneut um Barbaras Hand anzuhalten und das gemeinsame Kind kennenzulernen. Doch erneut wurde James Lick enttäuscht – Barbara war bereits seit vielen Jahren mit einem anderen Mann verheiratet. Also reiste er wieder zurück nach Buenos Aires, wo Revolution drohte, sodass er ins chilenische Valparaiso umsiedelte. Vier Jahre später verließ er aber auch Chile aufgrund politischer Unsicherheiten und fand sein letztes südamerikanisches Zuhause in der peruanischen Hauptstadt Lima. Nach einem erfolgreichen Jahrzehnt beschloss James Lick 1846, dass es Zeit wurde, wieder nach Nordamerika zu ziehen. In den Zeitungen hatte er vom Konflikt zwischen den USA und Mexiko gelesen und war überzeugt, dass die Vereinigten Staaten als Sieger daraus hervorgehen würden, was zur Annexion Kaliforniens durch die USA führen würde.

 

Großgrundbesitzer, reichster Mann Kaliforniens – und Ekzentriker
James Lick erkannte das Potenzial der Region zwischen San Francisco und San Jose und kaufte in kurzer Zeit sehr viel Land. Auch der Goldrausch, der nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Kalifornien begann, brachte ihn nicht davon ab. Im Gegenteil: Er profitierte davon, dass viele Einheimische ihr Land günstig verkauften, um anderswo nach Gold zu suchen. Bald versorgten seine weiten Obstplantagen nahe San Jose die Bewohner der Region und er galt als einer der reichsten Männer Kaliforniens.

 

Trotz seines Erfolgs und obwohl bereits 37 Jahre seit seinem missglückten Heiratsantrag vergangen waren, hatte James Lick die Worte von Barbaras Vater nicht vergessen: Er ließ eine riesige Mühle errichten, die er mit den teuersten und modernsten Maschinen ausstattete, und schickte Bilder davon in die Heimat – dabei war Barbaras Vater schon längst tot. Dafür traf er endlich seinen inzwischen fast 40-jährigen Sohn John, dem er auch gleich die Leitung der Mühle übertrug. Doch die Beziehung war problematisch, denn James Lick erkannte keinerlei Ambition in seinem Nachwuchs, sodass John 1863 nach Pennsylvania zurückkehrte und aus dem Testament gestrichen wurde.

 

In der Region war James Lick als Exzentriker bekannt, der von seinen Arbeitern absoluten Gehorsam forderte, Kritik hasste und das auch zeigte. Wert auf seine Kleidung oder Komfort legte er nicht: So schlief er in seinem unmöblierten Herrenhaus mit 24 Zimmern mit Marmorkaminen auf einer alten Tür, die er auf zwei Fässer gelegt hatte.

 

Nach einem schweren Schlaganfall, von dem er sich nie wieder ganz erholte, begann James Lick über sein Vermächtnis nachzudenken. Zunächst wollte er eine gigantische Statue von sich selbst bauen lassen, verwarf diese Idee aber wieder und dachte stattdessen an eine riesige Pyramide. Zum Glück für die Wissenschaft richteten sich seine Gedanken aber bald gen Himmel. Sein guter Freund George Davidson war Astronom, Geograf sowie Präsident der California Academy of Sciences und besuchte James Lick regelmäßig am Krankenbett, wo sie sich über Wissenschaft und Astronomie unterhielten. Und so wurde 1876 der Bau eines Teleskops beschlossen, das größer und besser als alle bisher dagewesenen werden sollte. Im selben Jahr starb James Lick und wurde in San Francisco beigesetzt – vorerst. Denn 1887 wurde sein Sarg, gemäß seinen Wünschen, wieder ausgegraben und zum Mount Hamilton transportiert, wo er im Fundament der Sternwarte seine letzte Ruhe fand. Hier können Besucher heute unterhalb des nach ihm benannten Teleskops seine letzte Ruhestätte besuchen; eine Plakette mit der simplen Aufschrift „Here lies the body of James Lick“ („Hier liegt der Leib von James Lick“) erinnert an den Mann, der seinerzeit eine ganze Region und San Jose als Wissenschaftsstandort und Zentrum des Silicon Valley prägte.